08. November 2015 Peter Giersich, Auerbach

November-Gedenken - oder: Geschichte als politische Waffe

„Wer sich der Geschichte nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“ (Edmund Burkes)

Der 9. November gilt als "Schicksalstag" in der deutschen Geschichte.

Am 9. November 1848 wurde Robert Blum, Abgeordneter des ersten deutschen Parlaments, der Frankfurter Nationalversammlung, in der Brigittenau bei Wien von reaktionären Truppen erschossen. „Ich sterbe für die Freiheit“, rief er als letzte Worte. Sein Tod leitete das Ende der bürgerlichen Revolution ein, deren Ziele sowohl die nationale Einheit Deutschlands als auch soziale Forderungen, wie die vollständige Bauernbefreiung und soziale Sicherung der freien Lohnarbeiter waren.

Am 9. November 1918 rief Karl Liebknecht vor dem Berliner Schloss die freie sozialistische Republik in Deutschland aus, „in der es keine Knechte mehr geben wird, in der jeder ehrliche Arbeiter den ehrlichen Lohn seiner Arbeit finden wird.“ Für sein Engagement und seine sozialistischen Ideale und Ziele wurde er im Januar 1919 heimtückisch ermordet.

Am 9. November 1923 marschierten rechtsradikale, reaktionäre Anhänger Hitlers durch München. Ihr Ziel war es, die Reichsregierung abzusetzen und eine „provisorische deutsche Nationalregierung“ zu installieren. Die bayerische Landespolizei stoppte den Marsch und damit auch Hitlers Versuch, gewaltsam an die Macht zu gelangen. Die NSDAP wurde daraufhin verboten, Hitler zu fünf Jahren Haft verurteilt. Zehn Jahre später gelang es ihm auf legalem Wege an die Macht zu gelangen.

In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 stürmten SA- und SS-Angehörige auf Anweisung von Reichspropagandaminister Goebbels jüdische Geschäfte, zündeten - wie in Chemnitz und Plauen - Synagogen an, zerrten Juden aus ihren Häusern und misshandelten sie. Das war der Beginn der systematischen Verfolgung und Vernichtung des europäischen Judentums.

Am Nachmittag des 9. November 1989 informierte Egon Krenz, Generalsekretär der SED, das Zentralkomitee der SED von der Entscheidung der DDR-Regierung über neue Reisebestimmungen. Politbüromitglied Günter Schabowski informierte darüber die Öffentlichkeit in einer Pressekonferenz. Mit der Auskunft, die Ausreise sei über alle Grenzübergänge sofort möglich, sorgte er für einen Ansturm zunächst auf die Grenze zu Westberlin. Damit war faktisch die bisher stark gesicherte und bewachte Grenze der DDR zur BRD für alle offen.

Jedes Jahr fallen am 9. November Feier- und Gedenkstunde zusammen. Woran wird wohl in diesem Jahr erinnert? Wird man an Robert Blum erinnern, der sich für eine wahrhafte Demokratie, die Abschaffung der Privilegien der Reichen, für soziale Erleichterungen für die Arbeitenden einsetzte? Wird man an die Novemberrevolution erinnern, mit der die Monarchie gestürzt wurde, die von Friedrich Ebert im Bündnis mit dem kaiserlichen Generalstab abgewürgt wurde, in deren Folge eine kampfstarke Partei der deutschen Arbeiterklasse sich herausbildete?

Oder werden in den offiziellen Erinnerungen die Helfer des Faschistenführers Hitler genannt, die in der bayerischen Landesregierung, im Militär und der Wirtschaft ihre Heimstatt hatten und zehn Jahre später den Aufstieg der Nazis zur staatstragenden Partei ermöglichten?

Nein, von alledem wird man im Fernsehen und in den Zeitungen nichts erfahren. Überragen werden die Kommentare, Berichte, Sonntagsreden vom Untergang der vom Anfang an bekämpften, gehassten gesellschaftlichen Alternative in Deutschland. Wer aber auf Hintergründe, historische Zusammenhänge und internationale Betrachtungsweise hofft, wird enttäuscht werden. Und was ist aus dem größer gewordenen kapitalistischen Deutschland geworden? Wer wird über die europäische Dominanz der Deutschen in Europa, den weltweiten Einsatz deutscher Soldaten sprechen und über die vom obersten Staatsrepräsentanten geforderte Wahrnehmung internationaler Verantwortung weltweit?

Und die Ereignisse der letzten Wochen und Monate schreien geradezu nach dem Vergleich mit unserer mühseligen deutschen Geschichte. Mir fällt dazu noch die Mahnung des tschechischen Journalisten Julius Fucik ein: „Menschen, ich hatte Euch lieb. Seid wachsam!“

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